Ein bisschen bin ich ein Masochist. Ich interessiere mich für sehr viel, was auf dieser Welt falsch läuft oder gelaufen ist. Wenn ich nicht Arbeits-bezogene Texte lese, haben die meist mit dem Holocaust, Kriegen oder Menschenrechtsverletzungen zu tun. Nordkorea, das Land, aus dem nur wenig bekannt ist, wenn man davon absieht, dass es ein riesiges Militär, ein Atomprogramm und einen unberechenbaren Führer gibt, ist ein perfektes, verstörendes Thema.
Ich wusste ja nicht so viel. Kommunistisch, Kim Jong-Il, Atomprogramm. Das sollte noch jede/r wissen. Wer ins Detail geht kennt den Koreakrieg, die zehntausenden US-Soldaten, die noch immer an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea stationiert sind und weiß, dass Nordkorea stalinistisch organisiert ist.
Aber es geht weiter. Viel weiter. Da wären zum Beispiel die Konzentrationslager, in denen zumindest 200.000 Menschen interniert sind, von denen tausende bis zu einem Viertel (je nachdem, welchen Zahlen man glaubt) jährlich verhungern, verunfallen, erschossen werden. Verhaftungs-Quoten garantieren, dass dieser Strom an billigen Arbeitskräften (mehr als 100 Gramm Reis täglich gibt es nicht) nicht versiegt, der für die nordkoreanische Wirtschaft und das Militär nicht unwichtig ist. Die Häftlinge bewirtschaften Felder, bauen Gebäude und graben Tunnelsysteme.
Es gibt zwei Typen an Lagern. Aus dem einen Typ hat man wenigstens die Chance, entlassen zu werden, sollte man so lange überleben. Da kommen zum Beispiel gewöhnliche Verbrecher hin, und Leute, von denen man glaubt, sie umerziehen zu können. Aus den anderen Lagern kommt man nicht lebendig heraus. “Rückkehr unerwünscht” haben die Nazis das genannt. Hier kommen selbst Kinder hin.
Aber wäre es doch nur die grausame Behandlung, die es am nordkoreanischen Gulag-System auszusätzen gäbe. Es geht noch viel schlimmer. Denn während in normalen Diktaturen öffentliche Kritik ab einem bestimmten Grad zur Verhaftung führt, geht das in Nordkorea noch viel “einfacher”. Denn einer von Kim Il-Sungs Richtlinie zufolge haben bei Dissidenten drei Generationen ausgelöscht zu werden. Enkelkinder müssen beispielsweise für ungeschickte Äußerungen ihrer Großeltern sterben, oder wenigstens unmenschlich leiden. Wahrscheinlich beides. Und das geht dann auch in die Breite, bis zu den Cousins/Cousinen.
Mach mal ein kleines Gedankenexperiment: Findest du unter deinen Großeltern, Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen auch nur eine Person, die politisch anders denkt? Oder eine große Klappe hat?
Wieder einmal frage ich mich, warum ich das eigentlich schreibe. Aber doch, diesmal kann ich einen vernünftigen Grund nennen: Fast niemand weiß Bescheid. Und es wäre gut, wenn mehr Menschen Bescheid wüssten. Dann würde hier die Kärntner Politik vielleicht nicht mehr mit Nordkorea verglichen werden.
Quellenangaben
Ich habe mir nicht die Arbeit gemacht, alles, die ich in den letzten Monaten gelesen habe, hier zu referenzieren. Wer via Google sucht, findest die notwendigen Informationen. Amnesty International hat eine Karte der größten Gulags, verschiedene Zeitungen haben Interviews mit Flüchtlingen und Überlebenden abgedruckt. Ich habe fast überall die harmlosesten Zahlen genommen, die ich gefunden habe. Ein ehemaliger Gulag-Wächter hat von bis zu 25% gesprochen, die jährlich zugrunde gehen.
Wer findet, dass ich mich wo getäuscht habe, darf mich gern darauf hinweisen. Nichts wäre mir lieber, als falsch zu liegen.