Ok, man muss ehrlich sein: Es war in den Umfragen absehbar, dass die Rechtsparteien sehr stark werden würden. Es war auch absehbar, dass die ÖVP und die Grünen Mobilisierungsprobleme haben würden – und ich hab auch nicht mit dem Einzug des LIF gerechnet.
Aber:
Die Grünen fallen hinter das BZÖ zurück? Damit hab ich ehrlich nicht gerechnet. Ich muss sagen, dass ich bis zuletzt gehofft und erwartet habe, dass die Grünen ihr Ergebnis von 2006 halten können. Das Ergebnis ist eine herbe Enttäuschung, da gibt’s nichts zu beschönigen.
Das LIF bei 1,9%? Auch damit hab ich nicht gerechnet! Ich habe eher mit 3,5% gerechnet. Selbst in Wien hat das LIF die 4% nicht geschafft. Das ist wirklich enttäuschend – und ist sicher nicht nur auf Alexander Zach zurückzuführen.
Meine kurze, unprofessionelle Analyse dazu: Die zweite Auflage des LIF war nicht, was die erste Auflage war – und die Wähler/innen waren auch der Meinung. Die Schluss-TV-Kampagne hat verzweifelt gewirkt und vielleicht sogar Stimmen gekostet. Außerdem ist mit den Grünen ist eine zu ähnliche Partei stabil im Parlament.
Das BZÖ bei 11%? Wahnsinn. Jörg Haider hat sich neu erfunden, und 4% ehemalige ÖVP-Wähler/innen haben ihm das abgekauft.
Der grüne Wahlkampf
Was soll man sagen? Ich hab selbst mitwahlgekämpft (in keiner wichtigen Position und nur in meiner Freizeit), und hab mich von der Parteilinie beeinflussen lassen. Die war keine gute. Die Grünen hätten das LIF ignorieren sollen – ein Großteil der medialen Berichterstattung hat das LIF den Grünen zu verdanken – und selbst, wenn meist negativ war, sind LIF-Wähler intelligent genug, sich selbst zu entscheiden. Ob Zach für EADS Lobby-Arbeit betrieben hat oder nicht, hat vielleicht zwei, drei Zehntel Prozent verschoben – und sicher in Richtung Nichtwähler, nicht zu den Grünen.
Die Grünen sind zur Zeit die einzige seriös agierende Partei (mal schauen, wie’s bei SPÖ und ÖVP weiter geht), der Wahlkampf hat das nicht wiedergespiegelt. Das bisschen an Themen auf den Plakaten war zu wenig, die Grünen hätten nicht alle sozial- und wirtschaftspolitischen Themen immer auf Umweltpolitik zurückführen sollen. Ja, ich weiß, das hängt alles kausal zusammen. Trotzdem – die Leute wollen auch andere Sachen hören! (Die starke Konzentration auf das Thema Umwelt hat sicher mit dazu geführt, dass die Medien die grünen Themen zu wenig präsent waren.)
Das dritte Problem: Der Spitzenkandidat. Nicht falsch verstehen: Ich mag Alexander Van der Bellen. Ich halte ihn für höchst kompetent. Er wird in die Geschichte eingehen als der Mann, der eine ewig streitenden Aktionistenbewegung gezähmt und geeint hat. Ich wäre der letzte, der ihm den Vizekanzlerposten nicht vergönnt.
Aber: Er wirkt aber müde, gelangweilt und grantig. Das ist keine Erfindung der Medien.
Mögliches Rezept für die Zukunft:
- Grüne Konzepte zum Thema Wirtschaft und Soziales, die nicht mit dem Thema Umweltpolitik zusammen hängen.
- Kein Negativwahlkampf – auch nicht, wenn das LIF wieder antritt. Auch nicht, wenn es bei 4% liegt.
- Neuer Spitzenkandidat / neue Spitzenkandidatin
Was sind die Folgen?
Die ÖVP und die Grünen müssen aus dem Ergebnis personelle Konsequenzen ziehen.
Bei der ÖVP sollte sich eigentlich die gesamte Ministerriege und alle für den Wahlkampf verantwortlichen verabschieden – außer Josef Pröll, der vermutlich der nächste Parteichef wird. Sie dürfen jetzt bloß nicht den Fehler machen, auf Wolfgang Schüssel zu hören – er ist für die aktuelle Misere der ÖVP maßgeblich mitverantwortlich.
Die Grünen haben es da schon schwieriger. Einerseits halte ich den/die Wahlkampfstrateg/innen für rücktrittsreif, andererseits muss es auch an der Parteispitze Veränderungen geben. Die Grünen haben hier die historische Chance, einen langsamen und demokratischen Übergang zu machen. Die Antwort darf nicht sein, Eva Glawischnig an die Spitze zu stellen. Vielleicht ist sie die richtige, vielleicht aber auch nicht. Es muss eine Diskussion geben. Ich empfehle einen parteiinternen “Wahlkampf”, in dem sich alle Interessent/innen einer demokratischen Wahl stellen dürfen.
Mein Wunschkandidat: Christoph Chorherr. Er ist (relativ) jung, kompetent, sympathisch und ein Zeichen, dass der pragmatische Kurs weiterverfolgt wird. Das Problem: Er ist nicht unumstritten. (Warum ist mir ein Rätsel…)
Ich denke aber, dass er sich in einer parteiinternen Wahl durchsetzen könnte, und ich würde ihn selbstverständlich dabei unterstützen.
Ich bin gespannt, was die nahe Zukunft bringen wird!
Norrin Radd
29. September 2008 @ 19:40 Uhr
Um ehrlich zu sein, war ich von den Grünen bei dieser Wahl enttäuscht. Die ewigen Attacken auf das LIF haben mich als unentschlossenen letztlich dazu bewegt, meine Stimme für das LIF abzugeben.
Zum Problem mit der Konzentration auf die Umweltthemen stimme ich zu. Was bei mir hängen geblieben ist, ist z.Bsp. der Umstieg weg von Öl und Gas. Die Zusammenhänge konnten nicht transportiert werden. Ähnlich die Bildungspolitik: Es hat so gewirkt, als wären die Studiengebühren DAS zentrale Thema in der Bildungsfrage, obwohl es viel größere Baustellen gibt.
Von wirtschaftspolitischen Ideen ist mir gar nichts hängen geblieben. Und das, obwohl ich meine, dass ich mich überdurchschnittlich informiere. Dabei handelt es sich aber um ein Thema, das für den Wähler aktuell wichtig ist.
Für mich sind die Grünen mittlerweile eine Partei geworden, die einerseits zu bieder geworden sind, denen ich andererseits aber nicht zutraue, Regierungsarbeit zu leisten. Schade, dass VdB wohl nie ein Ministeramt bekleiden wird. Schwarz-Grün 2002 trauere ich noch immer nach. Das war eine once-in-a-lifetime-Chance.
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