Die Post plant, 9.000 Mitarbeiter/innen zu kündigen, vor allem Briefträger/innen. Sie sagt, sie muss das tun, um nicht zur zweiten AUA zu werden. Die SPÖ und die Grünen beschweren sich, die ÖVP steht hinter der Post. Die SPÖ geht so weit, den Rücktritt des Post-Vorstands zu fordern.
Leider ist die Sache nicht so einfach, in mehrfacher Hinsicht:
Die Post wird keine 9.000 Mitarbeiter/innen kündigen und hat das auch nicht vor. Das ist wichtig für’s Grundverständnis. Die Post-Manager sind nicht dumm – sie wissen, dass sie enormen Gegenwind bekommen werden. Wenn man eine sehr hohe Zahl als Ziel ansetzt, ist das interne Ziel wahrscheinlich “nur” 6.000 oder weniger. So können sich die beiden Parteien streiten und danach einen Kompromiss schließen, den beide akzeptieren können.
Es werden immer weniger Briefe verschickt, mittlerweile wird auch klassische Geschäftspost immer mehr von E-Mails abgelöst. Sogar das Finanzamt stellt mir Bescheide auf Wunsch per E-Mail zu. Das Postgeschäft ist ein sterbendes Geschäft, es wird noch stark zusammenschrumpfen, daran kann man nichts ändern. Es geht ganz einfach billiger, einfacher und schneller, E-Mails zu verschicken. Ich erwarte zwar, dass sich kostenpflichtige E-Mail-Signatur-Services, um das Vertrauen in Geschäftspost zu erhöhen, die werden aber weiterhin viel billiger sein als normale Briefe.
Das wirkliche Problem sind aber nicht die Kündigungen, es ist das dumme System der Pragmatisierung, unter dem auch die Telekom Austria leidet. Mitarbeiter/innen, die nicht mehr gekündigt werden können, obwohl Österreich mit nur der Hälfte der Beamt/innen besser auskommen würde, weil die Bürokratie stark abgebaut werden könnte. Es hat viel zu lange gedauert, dieses System abzuschaffen und wir werden noch lange daran zu knabbern haben. Die vorgeschlagene “Leih-Agentur” für Beamt/innen gibt’s schon auch in Deutschland – und sie funktioniert nicht. Wer sich fragt, stellt sich einfach folgende Frage: Du bist Unternehmer/in, willst jemanden einstellen, und hast die Wahl zwischen einer normalen Arbeitskraft oder jemanden, der für den Staat gearbeitet hat und dort vielleicht mehr Zeit in Kaffeepausen verbracht hat als in der tatsächlichen Arbeit. (Die Guten behalten sich die Post und die Telekom!)
Das zweite Problem sind Konkurrenz bzw. Kollektivvertrag. In Deutschland stand lange in Diskussion, ob Mitarbeiter privater Postunternehmen die gleichen Kollektivverträge haben müssen (ergo: höheres Gehalt) oder als Hilfsarbeiter angestellt werden dürfen (ergo: mieses Gehalt). Wenn man sich anschaut, wie in Österreich das Austragen von Zeitungen bezahlt wird weiß, dass es sich da um keine Briefträger handelt.
Das ist aber eine wichtige Frage. Wenn private Postdienstleister in Österreich nicht die gleichen Gehälter bezahlen müssen wie die Post AG, wäre das eine Schweinerei. Die Post AG hat’s schon schwierig genug mit der verpflichtenden Abdeckung ganz Österreichs.
Das dritte Problem ist die Frage der Infrastruktur. Die Post ist eine Infrastruktur, auch wenn sie immer mehr an Wichtigkeit verliert. Noch geschieht ein großer Teil der Geschäftskorrespondenz außerhalb des Technologie-Sektors in schriftlicher Form, und damit wird die Post zu einem Bestandteil der Basisinfrastruktur Österreichs, wie Straßen, Schienen oder Strom-, Telefon- und Internet-Kabeln (von denen nur noch ein Teil, nämlich die Straßen, rein von der öffentlichen Hand finanziert wird). Eine Gemeinde, die diese Infrastruktur nicht hat, hat bald keine Unternehmen mehr.
Die Frage ist: Was erwarten wir von der Post? Das Mindest-Ziel sollte sein, dass man in jeder Gemeinde Briefe abgeben kann, dass überall Post ausgeliefert wird und die Auslieferung in ganz Österreich maximal 3 Tage dauert. Die Post hat begonnen, mit lokalen Geschäften zusammen zu arbeiten, wo sie Postfilialen geschlossen hat. Die haben eine zusätzliche Arbeitskraft eingestellt (oder von der Post übernommen), die als Briefträger/in arbeitet und es möglich macht, Briefe aufzugeben. Ich halte dieses Modell, falls es funktioniert, für gut.
Aber machen wir uns nichts vor: Die flächendeckende Bedienung Österreichs ist ein Luxus, den sich die Post AG vermutlich nicht leisten kann, wenn sie im direkten Wettbewerb steht. Daher sollte sich der Staat überlegen, den flächendeckenden Betrieb zu subventionieren. Gemeinden ab einer bestimmten Einwohnergröße sind bestimmtes Geld wert. Das bekommt die Post – oder noch besser: Darum kann man sich bewerben. Wer den Betrieb am billigsten durchführen kann, bekommt den Zuschlag (und die Subvention).
Ein abschließendes Wort: Jede Kündigung sollte vermieden werden, wenn das irgendwie geht. Ich möchte nicht in der Haut der bedrohten Postler/innen stecken. Aber: Das ist Teil unserer Wirtschaftsordnung. Erinnert sich noch jemand an Knechte und Mägde? Vermutlich nicht – aber die wurden auch reihenweise gekündigt. Das war kurzfristig schwierig, langfristig haben sich diese Leute aber ganz einfach neue Jobs gesucht. Das wird in den nächsten Jahren schwierig, aber längst nicht unmöglich. Wer sich weiter bildet, hat meistens eine Chance. Die Grenze ist nur die eigene Fantasie!