Ich bin für den mittel- bis langfristigen EU-Beitritt der Türkei und vor allem für eine Fortsetzung der Beitrittsverhandlungen.
In diesem Artikel möchte ich auf die zwei Haupt-Argumente der Gegner/innen eines EU-Beitritts der Türkei eingehen und meine Argumente erklären.
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Aufnahmefähigkeit
Ein häufiges Argument gegen die Aufnahme weiterer Mitglieder in die EU ist die Aufnahmefähigkeit, die im Moment überschritten sei. Die Aufnahmefähigkeit kann diskutiert werden – es stimmt wohl, dass die EU im Moment kein Land in der Größe der Türkei aufnehmen könnte.
Die Türkei wird aber ohnehin frühestens in 10 bis 15 Jahren beitrittsfähig sein. Es wäre ungeschickt, deshalb jetzt keine Verhandlungen zu führen, da wir die Situation in 10 bis 15 Jahren heute unmöglich vorhersagen können.
Sollte die EU weiterhin nicht aufnahmefähig sein, wenn die Türkei für einen Beitritt bereit ist, dann können wir darüber diskutieren, den Aufnahmeprozess zu stoppen (oder auszusetzen). Jetzt ist dazu der falsche Zeitpunkt.
Geografische & historische Nähe
Ein weiteres Argument gegen einen Beitritt der Türkei ist die geografische und historische Nähe zur aktuellen EU. Das osmanische Reich war nicht Teil der europäischen Königsfamilien und ist geographisch nur zu einem kleinen Teil in Europa. Stimmt.
Aber ganz ehrlich: Spielt das eine Rolle, wenn die EU wirtschaftlich von einem Beitritt profitieren kann? Wollen wir deshalb tatsächlich Arbeitsplätze riskieren? Ich bin gerne bereit, die Mission “europäisches Friedensprojekt” in “Friedensprojekt” umzuwandeln, wenn die EU daraus einen Vorteil zieht!
Die geographische oder historische Nähe zu Europa ist übrigens keines der Kopenhagener Kriterien für einen EU-Beitritt.
Wirtschaftliche Gründe
Die Türkei ist ein riesiger Markt mit knapp 90 Millionen Menschen mit einem Durchschnittsalter von 29 Jahren (Österreich: 42 Jahre). Die Türkei könnte damit in zur Lebensversicherung des immer älter werdenden Europa werden. Wer weiß, vielleicht subventionieren junge türkische Arbeitnehmer/innen eines Tages österreichische Senior/innen. (Dazu müsste das Pensionssystem aber erst EU-Angelegenheit werden.)
Das Land wäre für Österreich ein riesiger Export-Markt für österreichisches Know-How, wie es auch die neuen osteuropäischen Länder waren. Österreichische Türk/innen könnten zudem durch ihre Sprachkenntnisse die in Österreich existierenden beruflichen Benachteiligungen umgehen, da sie plötzlich zur wichtigen “Ressource” würden.
Das BIP pro Einwohner/in der Türkei (10.472 Dollar) ist höher als das der EU-Mitgliedsstaaten Rumänien (9.292 Dollar) und Bulgarien (6.857 Dollar) sowie der möglichen Beitrittskandidaten Serbien (6.782 Dollar – sogar die FPÖ wäre dafür!), Bosnien (4.625 Dollar), Mazedonien (4.657 Dollar), Albanien (4.074) und Montenegro (2.900 Dollar).
Kroatien ist der einzige Beitrittskandidat mit einem höheren BIP pro Einwohner/in.
Quellen
- Bevölkerungsstatistik der Türkei
- Durchschnittsalter in der Türkei
- Durchschnittsalter in Österreich
- Vergleich der Bruttoinlandsprodukte
- Bruttoinlandsprodukt Montenegro
Anmerkung zu den Beitrittskandidaten
- Kroatien und Türkei befinden sich offiziellen Beitritts-Verhandlungen.
- Mazedonien ist Beitrittskandidat ohne laufende Verhandlungen.
- Albanien und Montenegro haben die EU-Mitgliedschaft beantragt, befinden sich aber nicht in offiziellen Verhandlungen.
- Bosnien und Serbien haben das Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen unterzeichnet, aber noch keine Mitgliedschaft beantragt.
Ich habe die Bruttoinlandsprodukte der Länder vergleichen. Bei einem Vergleich nach des BIP nach Kaufkraftparität ergibt sich die gleiche Reihung (nur Kroatien vor Türkei), allerdings mit anderen Zahlen.
Soziale Gründe
Die Integration der Türkei in der EU könnte als weltweites Beispiel für die Kompatibilität moderner muslimischer und christlichen Traditionen dienen. Damit würde man vermutlich mehr für die Bekämpfung von islamischen Extremismus tun als mit jedem Anti-Terror-Krieg.
Für junge Türk/innen würde der durch den EU-Beitritt ausgelöste Wirtschaftsaufschwung (der zweifellos entstehen bzw. verstärkt würde) einen alternativen Ausweg aus ihrer wirtschaftlichen Situation zur Emigration nach Europa.
Die EU ist unter schwierigen Bedingungen entstanden. Es waren nicht befreundete Nachbarländer, die die EU gegründet haben, um ihre bestehende Zusammenarbeit zu vertiefen, sondern die verfeindeten Länder Frankreich und Deutschland, die durch die Zusammenarbeit langfristigen Frieden und Stabilität erreichen wollten. Die Integration der Türkei muss nicht einfach sein. Wichtig ist nur, dass sie funktioniert – davon würden wir alle profitieren.
Trotzdem
Die Türkei muss für einen tatsächlichen Beitritt die Kopenhagener Kriterien erfüllen, das ist momentan nicht der Fall. (Daher aber auch die langfristige Beitrittsperspektive.) Die Türkei hat noch einiges bei der in der Wahrung von Menschen- und Bürgerrechten zu tun, das Militär hat nach wie vor zu viel Einfluss auf Politik und Wirtschaft, etc.
Die bisherigen Verhandlungen stimmen aber optimistisch: Die Türkei hat große Schritte in die richtige Richtung gemacht. Ich habe keinen Zweifel, dass das Land die Kopenhagener Kriterien erfüllen kann, wenn wir es fordern und fördern.