Netzneutralität – eine Geschichte mit Hindernissen

Dieser Beitrag wurde im Rahmen der Vorlesung Gesellschaftliche Spannungsfelder der Informatik an der Technischen Universität Wien geschrieben.

“Netzneutralität” oder “Net Neutrality” bedeutet, dass alle Pakete im Internet gleich schnell und unverändert verschickt werden, unabhängig von Herkunft, Ziel und Zweck der Pakete. In mancherlei Hinsicht wird schon lange gegen dieses Prinzip verstoßen, andere Bereiche sind nach wie vor Tabus. Telekomkonzerne arbeiten aber ohne Zweifel daran, diese Tabus aufzuweichen.

Madison River CommunicationsDer Begriff der Netzneutralität im Rahmen des Internets wurde ca. im Jahr 2000 geprägt und ab dem Jahr 2005 zum politischen Thema in den USA. Damals hat die FCC (Federal Communications Commission) bekannt gegbeen, vier Prinzipien der Netzneutralität durchsetzen zu wollen und das gegen den kleinen DSL-Provider “Madison River Communitations”, der VoIP-Services blockiert hat, durchgesetzt.

Im gleichen Jahr hat der CEO von SBC Communications (mittlerweile Teil von AT&T) das erste Mal ausgesprochen, was niemand so recht sagen wollte: Internet-Firmen sollen dafür zahlen, wenn sie die Internet-Leitungen verwenden wollen, die SBC aufgebaut hat. Er ist nicht der einzige – Neil Berkett, CEO von Virgin Media, findet Netzneutralität schwachsinnig und hat angekündigt, alle Websites auf die “Internet-Bus-Spur” zu verlegen, die Virgin nicht für eine schnelle Leitung bezahlen.

Legislativer Prozess in den USA

2005

Die FCC legt vier Prinzipien der Netzneutralität fest und setzt diese gegen den DSL-Provider “Madison River Communications” durch.

2006

Der “Internet Freedom and Nondiscrimination Act of 2006″ würde es zu einem Verstoß gegen das Kartellrecht machen, Web-Traffic zu diskriminieren oder bestimmte (legale) Inhalte zu blockieren. Das Gesetz wurde vom zuständigen Kommittee angenommen, wurde allerdings nicht im House of Representatives zur Abstimmung vorgelegt. Die Koalition für die Initiative hat sich von der linksliberalen MoveOn.org bis zur rechten Gruppierung “Gun Owners Of America” bewegt – etwas, das man sich eigentlich kaum vorstellen kann.
Das Gesetz wurde nach einer Lobby-Schlacht zwischen den Telekomkonzernen und allen anderen nicht dem House of Representatives vorgelegt, da es keine Mehrheit mehr gefunden hätte.

Die “Communications Opportunity, Promotion and Enhancement Bill of 2006″ war ein von den Telekomkonzernen AT&T und Verizon unterstützter Gesetzesvorschlag. Der Vorschlag beinhaltete kaum Einschränkungen für die Telekomkonzerne, eine Ergänzung, um genau das zu erreichen, wurde abgelehnt.
Das House of Representatives hat den Gesetztesvorschlag verabschiedet, er scheiterte aber am Senat.

2008

Alle demokratischen Präsidentschaftskandidaten und der republikanische Präsidentschaftskandidat Mike Huckabee kündigen an, die Netzneutralität gesetzlich festlegen zu wollen. (Allerdings gibt es seit Obamas Wahl noch keine Ankündigung, dieses Thema schnell abhandeln zu wollen.)

Die Consumers Union übt Druck auf die FCC aus, gegen Comcast wegen der Verstöße gegen die Prinzipien der Netzneutralität vorzugehen, damit ein klarer Präzedenzfall ermöglicht wird.

Möglichkeiten der Verstöße

Internetkonzerne bezahlen

Werbung gegen Netzneutralität wird damit gemacht, dass nicht die Internetbenutzer/innen für das Internet bezahlen sollen, sondern die Internet-Konzerne, die ihre Angebote über das Internet übertragen müssen. Die Argumentation ist allerdings sowohl faktisch falsch als auch wirtschaftlich katastrophal.

Problem: Kosten/Nutzen verlogen

Die Telekom Austria beziffert das weltweit notwendige Investitionsvolumen für die nächste Generation der Internet-Infrastruktur auf ca. 150 Milliarden Dollar. Angenommen, die Telekomkonzerne würden Internetkonzerne um 10% ihres Umsatzes erleichtern. Im Falle von Google wären das im Jahr 2007 ca. 1,6 Milliarden Dollar gewesen. Also in etwa 1% des Investitionsvolumens. Das würde bedeuten, dass die Rechnung für Internet-Benutzer/innen um ca. 1% billiger wird – bei einer UMTS-Datenkarte um 15 Euro wären das ganze 15 Cent. Genau das fordert aber Rudolf Fischer, Telekom-Austria-Vorstand in seinem Weblog, der in der Zwischenzeit offline genommen wurde.

10% des Umsatzes sind aber weniger als realistisch, die meisten Internet-Konzerne könnten sich das gar nicht leisten. Bei beispielsweise 2% des Umsatzes würde meine UMTS-Datenkarte aber nur noch um 3 Cent pro Monat billiger.

Problem: Wettbewerbsschädigend

Noch viel gravierender ist das zweite Problem: Wenn große Internet-Konzerne eine bevorzugte Geschwindigkeit bekommen, erschwert das neuen Start-Ups noch viel mehr als bisher, erfolgreich zu werden. Es sind aber die Start-Ups, nicht die großen Konzerne, die für Innovationen sorgen. MySpace & Facebook, YouTube und last.fm – sie alle haben als kleine Firmen gestartet, die beiden letzteren hätten keine Chance gehabt, sich zu etablieren, wenn der enorme Video-Traffic noch teurer wäre.

Privatbenutzer/innen bezahlen

Die unausgesprochene, aber viel lukrativere Idee ist, Privat-Benutzer/innen für unterschiedlich gute und umfangreiche Services bezahlen zu lassen.

Die Übertragung von Text ist sehr billig, die von Audio- und Video-Daten viel teurer. Es wäre daher sehr wahrscheinlich, dass ein Text-only-Internet entstehen würde. Bei Mobiltelefonen mit GPRS-Übertragung sind solche Einschränkungen üblich, sie fallen aber kaum auf, weil ohnehin niemand auf die Idee kommt, große Dateien auf einem Händi herunter zu laden.

File sharing blockieren

Der zur Zeit am weitesten verbreitete Verstoß gegen das Prinzip der Netzneutralität ist das Blockieren von File-Sharing-Protokollen. Comcast blockiert oder verlangsamt seit 2007 den Traffic, der durch BitTorrents-Uploads generiert wird. (Quelle: ZDNet) Der Fall wurde angeprangert, es wurde von gesetzlicher Seite allerdings nichts dagegen getan – abgesehen von der Drohung durch den Chairman des FCC, Kevin Martin, er wäre dazu bereit, Breitband-Provider davon abzuhalten, Internetzugänge zu stören.
BitTorrent, Inc. hat mittlerweile ein “Abkommen” mit Comcast geschlossen, um den Traffic doch durch zu lassen, Comcast will angeblich bis Ende 2008 einen “neutralen Status” gegenüber dem BitTorrent-Protokoll einnehmen. (Quelle: heise.de)

Leider ist es mittlerweile normal, dass solche Protokolle blockiert oder wenigstens verzögert werden, das wäre wohl auch eine der ersten Maßnahmen, die von ISPs ausgebaut würde.

Sonstiges

Das Blockieren bestimmter Traffic-Ströme ist ein heikles Thema, es gibt aber auch sehr skurrile Verstöße gegen die Netzneutralität, beispielsweise vom kanadischen ISP “Rogers”, der zeitweise die Google-Startseite verändert hat und eine riesige (hässliche) Meldung angezeigt hat, wenn die Benutzer/innen Traffic-Limits übersteigen. Das hat dazu geführt, dass sich Benutzer bei Google über die Meldung beschwert haben bzw. nachgefragt haben, was sie tun sollten, während Google davon keine Ahnung hatte.

Auch das könnte mit einer abgeschafften Netzneutralität normal werden.

[list-of-references]

Netzneutralität: Immer mehr Argumente dafär!

Wer hätte gedacht, dass die Telekom-Konzerne, die sich in den USA so sehr gegen eine gesetzlich festgeschriebene “Netz-Neutralität” gewehrt haben, plötzlich immer mehr Gründe dafür liefern, wieso die Netz-Neutralität so dringend vorgeschrieben werden muss?

Netz-Neutralität

Netz-Neutralität bedeutet im wesentlichen, dass die Internet-Provider unter keinen Umständen den Zugriff auf Websites künstlich beeinflussen dürfen. Internet-Provider würden gerne von Website-Betreibern Geld für bessere Verbindungs-Geschwindigkeiten verlangen. Das wäre einerseits wettbewerbstechnisch bedenklich, weil Internet-Provider bestimmte Websites eine langsame Geschwindigkeit verpassen könnten, um Vertrags-Partner, die dafür entsprechend bezahlen, einen Markt-Vorteil zu bieten.

Die Provider haben darauf einerseits damit gekontert, dass so etwas bisher noch nie der Fall war und der Markt sich von selbst regelt, andererseits gesagt, dass es besser wäre, die Internet-Firmen würden für den Traffic bezahlen, anstatt der Internet-Benutzer.

Bisher wurde in den USA kein Netz-Neutralitäts-Gesetz beschlossen, einige Präsidentschafts-KandidatInnen wollen das allerdings tun, falls sie gewählt werden. (Alle demokratischen KandidatInnen, sowie der repuplikanische Kandidat Mike Huckabee.)

Argumente für Netz-Neutralität

Ich war überrascht zu bemerken, dass die Internet-Provider durch einschlägige Aktionen allen Grund dafür geben, Netz-Neutralität gesetzlich festzuschreiben.

Der Kanadische ISP “Robers” modifiert die Google-Homepage, um die KundInnen vor einer Übertretung ihres monatlichen Limits zu warnen.

Das klingt jetzt harmloser, als es ist, aber Internet Service Provider (ISPs) sollten auf keinen Fall Websites verändern dürfen. Die Internet-Nutzer erwarten, dass www.google.com von Google kommt, wenn Rogers plötzlich eigene Inhalte dazu schaltet, ist das nicht nur verwirrend, sondern kann auch dem Unternehmen schaden. (Will ich, dass Google weiß, wie viel monatliches Download-Volumen ich noch frei habe? Tja, für die Benutzer sieht das aber so aus, als wüsste Google Bescheid. Das kann Google’s Reputation schaden.)

Abgesehen davon, dass ein ISP neben einem Hinweis bezüglich Limit-Übertretung auch andere Sachen einbauen könnte. Zum Beispiel Statistik-Software, Spyware, etc.

T-Mobile USA sperrt Twitter

T-Mobile sperrt Twitter-SMS-Services. Das betrifft jetzt nicht direkt das Internet, aber auch hier sind offensichtlich gesetzliche Regelungen nötig! T-Mobile hat auch zugegeben, Twitter gesperrt zu haben.

Die Begründung? Twitter ist kein autorisierter Service, in den Nutzungsbedingungen des T-Mobile-Vertrags steht drin, dass T-Mobile solche Services nicht anbieten muss.

Netzneutralität

Wer vor einigen Monaten in den Technologie-Teilen der amerikanischen Zeitungen gelesen hat, der hat vermutlich von der Netzneutralität bereits gehört. Auch die Telekom Austria hat bereits öffentlich überlegt, auf die Netzneutralität zu pfeiffen, und Google & Co für die Finanzierung der Milliarden-Investitionen, die regelmäßig zu tätigen sind, heranzuziehen.

Die Argumentation der Telekom-Konzerne ist recht simpel: Wieso, liebe KundInnen, sollen wir euch zahlen lassen? Lasst doch Google bezahlen, das ist viel fairer!

Die Telekom Austria beziffert das weltweit notwendige Investitionsvolumen auf ca. 150 Milliarden Dollar, eine enorme Zahl, die sicher Eindruck schindet.

Die dahinterstehende Rechnung allerdings ist eine dumme. Was stellt sich die Telekom Austria vor, dass sie Google abknöpfen will? Sagen wir mal, sie wollen 10% des Umsatzes von Google, also 1 Milliarde Dollar für das Jahr 2006.

Diese eine Milliarde Dollar bringt also ca. 1/6% des Investitionsbetrages. Werden unsere DSL-Tarife dann um 1/6% billiger? Toll – das ist es, was ich schon immer wollte.

Und selbst wenn das fair und vertretbar wäre – was ist mit den vielen kleinen Start-Ups, die aufgrund der niedrigen Einstiegskosten schneller und innovativer den Markt verändern können? Was wäre mit YouTube? Hätte ich meine auf Hobby-Basis erstellte Community betreiben können?

Eines ist sicher: Würden die Internet-Firmen dafür bezahlen, wie stark ihre Seiten frequentiert werden, dann gäbe es kein YouTube, keine Hobby-Projekte und generell ganz einfach wenigere Seiten.

Abgesehen davon ist es ein enorm aufwändiger administrativer Aufwand, diese Gebühren einzukassieren. Und was passiert, wenn es nicht klar ist, woher der Traffic kommt? Geht man nach dem Herkunftsprinzip der Web-Angebote? Dann haben wir innerhalb kürzester Zeit Hostingparadiese (im Gegensatz zu Steuerparadiesen), wo die Preise niedrig sind. Oder nach der Herkunft der Benutzer? Ist auch schwer möglich und schwer nachweisbar.

Netzneutralität ist unbedingt notwendig, wenn wir weiterhin eine innovative Internet-Industrie haben wollen. Dieses eine Prozent höhere Interkosten sollte uns Benutzer das schon wert sein.