Microsoft + Yahoo: Bitte nicht!

Die Yahoo!-Microsoft-Übernahme-Streitereien der letzten Monate sind wohl niemandem entgangen, gerade am Samstag ist wieder eine Deadline abgelaufen. Hoffentlich veranlasst sie Microsoft, seine Avancen gegenüber Yahoo zu stoppen. Yahoo ist für Microsoft keine 45 Milliarden Dollar wert, Yahoo ist das ohnehin zur Zeit nicht wert.

Das Management scheint Jerry Yang, den alten neuen Yahoo-Chef zwar zur Übernahme drängen (weil sie ihre Aktien verschachern wollen und von Microsoft weitere Optionen erwarten, damit sie bleiben), die übrigen Mitarbeiter sind dagegen, primär aus ideologischen Gründen.

Yahoo macht aber weder wirtschaftlich noch produktpolitisch Sinn für Microsoft. Das einzige, was Microsoft nützliches von Yahoo erhalten würde, wäre das Werbe-Inventar und der Suchmaschinen-Marktanteil. 45 Milliarden sind diese Dinge aber nicht wert.

Microsoft sollte stattdessen 20 Milliarden Dollar (darüber würden sich die eigenen AktionärInnen sehr freuen) einsetzen, um massenhaft Start-Ups aufzukaufen, diese aber eigenständig weiterarbeiten lassen. Keine Zwangs-Integration mit Windows Live, kein Re-Branding, kein Einsetzen von eigenen Managern. Das einzige sollte sein, dass sie die Vermarktung übernehmen, wo das sinnvoll ist.

Unter anderem sollten sie dabei versuchen, Infrastruktur-Unternehmen zu kaufen. Nicht in Form von Hardware-Infrastruktur, sondern in Form von populären APIs. Das ist etwas, was Microsoft mit Live Mesh ohnehin bereits versucht.

Mögliche Übernahmekandidaten wären:

  • Twitter: Als Infrastruktur-Unternehmen (Twitter wird immer mehr als Kommunikationsplattform für Anwendungen verwendet, die mit Chatten nichts mehr zu tun haben.) würde es gut ins Portfolio passen. Microsoft kann es sich leisten, kein Geschäftsmodell zu suchen und könnte ohne weiteres die notwendigen 200+ Millionen Dollar aufwenden.
  • Zooomr/Smugmug: Eine Foto-Sharing-Community würde Microsoft gut tun. Microsoft könnte Smugmug öffnen (zzt ist Smugmug kostenpflichtig) und hätte damit auf einen Schlag eine würdige Flickr-Konkurrenz. Zooomr geht noch mehr in Richtung Flickr und hat sich geschäftlich Japan zugewandt – aber wer weiß, das kann genau so gut ins Schema passen.
  • Digg: Digg ist groß genug, dass der Hass gegen Microsoft nur eine laute Kern-Schicht betreffen würde. Die kann man halten, da sehe ich kein Problem. Im Notfall müssten sie die Kern-Contributors bezahlen, oder so. Damit könnten sie vor allem das Image aufbessern.
  • Plaxo: Plaxo passt zu Microsoft wie der Topf auf den Deckel. Wichtig wäre allerdings, dass sie auch Third-Party-Connector-Software weiterhin zulassen, im Sinne einer offenen Plattform, wie Plaxo das jetzt schon ist. Zusätzlich könnten sie die Software kostenlos machen. Damit würden sie sich bei den GeschäftskundInnen “einkaufen”.
  • Automattic (WordPress.com): Ein No-Brainer, meiner Ansicht nach, wenn Microsoft sich dazu durchringen kann, WordPress als Open Source-Projekt zu unterstützen.
  • imeem: Mit imeem, ein amerikanisches Multimedia-Social-Network und ebenfalls relativ günstig, könnte Microsoft einen weiteren Fuß ins Social Networking-Business setzen. Möglicher Interessenskonflikt mit Facebook, andererseits vermarktet Microsoft Facebook nur, hat dort aber nichts zu sagen. Niemand ist also wirklich gefährdet.

Diese Übernahmen würden Microsoft ca. 3 Milliarden Dollar kosten. Man stelle sich vor, was Microsoft mit weiteren 17 Milliarden Dollar alles aufkaufen könnte.

Ich muss zugeben, dass einige der Vorschläge Microsoft teilweise eine radikale Änderung der bisherigen Firmenkultur abverlangen. Unter Ray Ozzie denke ich aber, dass das durchaus möglich ist. So lange sich Steve Ballmer raus hält…

Wie offen werden Social Networks in 2008?

Werden Social Networks im Jahr 2008 offener werden und wird man den “Social Graph” wenigstens teilweise exportieren können? Bisher sind Social Networks weiterhin abgeschlossen wie eh und je. Die Plattformen ändern daran nichts, auch wenn “OpenSocial” sehr danach klingt. (Es ist nur ein Weg, Page Views zu vermehren.)

Präzedenz-Fall

Jetzt wurde ein prominenter Präzedenz-Fall geschaffen – der Facebook-Account von Robert Scoble wurde gesperrt, weil er ein noch unveröffentlichtes Plaxo-Tool verwendet hat, das die Namen, Geburtsdaten und E-Mail-Adressen aller Freund/innen speichert – gemerkt haben sie es, weil es offenbar Standard-Tracking-Methoden gibt, die es merken, wenn ein User zu viele Page Views produziert.

Wer ist im Recht?

Scoble mit seinem Wunsch, seine Kontakte selbst kontrollieren zu können? Oder Facebook mit der Sperrung, die durch die Nutzungsbedingungen ja erlaubt wird.

Rechtlich…

…ist es eindeutig Facebook. Die Nutzungsbedingungen verbieten den Einsatz von automatischen Scripts, egal welcher Art.

Moralisch…

…ist es eher Robert Scoble, aber auch hier ist das Bild nicht eindeutig.

Plaxo verwendet bei dem Tool Texterkennungs-Software, die aus den E-Mail-Adressen-Grafiken (die werden bei Facebook nirgends als Text ausgegeben) den Text ausliest. Außerdem verwendet Scoble mit Plaxo persönliche Daten nicht nur von sich, sondern auch von seinen 5000 “Freund/innen”.

Immerhin, er hat dieses Import-Tool mit einem Test-Account bei Plaxo getestet und wird die Daten nicht verwenden, die er runter geladen hat. Plaxo will das Tool trotzdem veröffentlichen.

Account wieder entsperrt

Mittlerweile wurde der Account von Robert Scoble wieder entsperrt, ein bitterer Beigeschmack bleibt. Wieso? Weil der Facebook-Support normalerweise ziemlich schlecht ist und gerade bei solchen Account-Sperrungen gleich gar nicht zurück schreibt. (Da gibt es schon einige Fälle.)

Entsperrt werden eher die Fälle, wo öffentlicher Druck ausgeübt wird.

Über Plaxo

Plaxo ist ein Adressbuch-Service (mit Synchronisations-Tools für verschiedenste Websites, Händis und Client-Anwendungen), Plaxo Pulse ist das dazugehörende Social Network. Es ist noch neu, freut sich aber schon über eine Millionen Besucher/innen pro Monat. Nicht schlecht, für ein Social Network, das im Sommer erst gestartet hat und noch nicht aktiv an die Mitglieder von Plaxo beworben wurde.

Plaxo hatte eine schlechte Reputation, weil sie bedenkliche SPAM-verdächtige Sachen gemacht haben, mittlerweile bin ich ein seltener aber zufriedener User. (Wie auch bei Facebook und LinkedIn, obwohl ich die Services mag. Inaktiv bin ich, weil kaum wer dort ist, den ich kenne.)

Fazit

  1. Plaxo ist ein echt guter Service.
  2. Plaxo muss sich gut überlegen, ob sie auf einen offenen Konfrontationskurs mit Facebook gehen wollen.
  3. Facebook läuft Gefahr, das nächste PR-Debakel zu erleiden. Langsam werden die PR-Probleme zu viele – Facebook schafft immer weniger, was Google immer noch schafft: Gut in der Öffentlichkeit dazustehen, auch bei den Nerds, die Techmeme lesen.